Verena Guther

Das subjektive Moment im Urbanen

Gedanken zu den Städtebildern von Verena Guther

New York, Shanghai, London, Istanbul – Megastädte sind dichte, instabile Bewegungsräume, die ihren Bewohnern bzw. Besuchern immer neue Formen der Wahrnehmung, Orientierung und Anpassung abverlangen. Wie bewegt man sich in den chaotischen Stadträumen dieser ›global citys‹ mit ihrer Vielzahl an sich überlagernden architektonischen Codes, Strukturen, Zeichen und Medien, ohne sich im Stadtraum zu verlieren? Wie geht man mit der Komplexität urbaner Erfahrungen um? Wie kann ein Dialog auf künstlerischer Ebene aussehen?

Verena Guther wählt in ihrer fotografischen Herangehensweise den Modus der selektiven Wahrnehmung von großstädtischer Realität. Sie fokussiert auf ihren Stadterkundungen wechselnde architektonische Dimen-sionen und Perspektiven, urbane Veränderungen und Brüche, soziokulturelle Besonderheiten und Atmosphären. Ihren analysierenden Blick richtet sie auch auf Aspekte des täglichen Lebens. Fotografien entstehen in großer Zahl, in denen sie nicht nur das architektonisch Charakteristische einer Stadt festhält, sondern auch die scheinbar immer gleichen Hochhausfassaden und Verkehrsnetze dokumentiert. So entsteht ein umfangreiches Bilderarchiv als künstlerische Ausgangsbasis für ihre Collagen und Fotomontagen.

Die Stadt – Eine gigantische Bildmaschine

Verena Guthers Erforschung der Metropolen, dieser kosmopolitischen Knotenpunkte und Machtzentren, ist zum einen geprägt von einem Interesse an der Stadt als ›Raum der Ströme« (Manuel Castells): Hier bestimmen Bewegung und Tempo, Dynamik und Expansion das Erscheinungsbild. Wie die Kapital- und Informationsströme hinter den Bankenfassaden pausenlos aktiviert sind, so fließt der Verkehr unentwegt durch die Straßenschluchten. Darüber hinaus generiert die Stadt ein permanent anwachsendes architektonisches Gefüge, das sich ins Uferlose ausbreitet und ständig erneuert. Gegenwart wird in ihrer Schnelligkeit, dem unaufhaltsamen Wachstum und der pulsierenden Vielfalt überall erfahrbar. Gleichzeitig werden historisch gewachsene Orte immer stärker zurückgedrängt bzw. zerstört. Dadurch ist auch der soziale und kulturelle Lebensraum des Menschen, dessen Existenz und Erfahrung in unverwechselbaren Orten für die Identitätsfindung verwurzelt ist, im Wandel begriffen. Orte individueller wie auch kollektiver Geschichte, z. B. alte Stadtteile und historische Bauwerke, sowie kulturelle Ausdrucksformen wie Ornamente und Schriftzeichen drohen zu verschwinden. Der Stadtbewohner bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Dynamik eines rasant steigenden Lebenstempos und dem elementaren Bedürfnis nach Ausgleich durch Entschleunigung und Verortung.

Auf diese komplexe Gemengelage von Mensch und Stadtraum, Fortschritt und Tradition, Aufbau und Umbruch lässt sich Verena Guther auf ihren Streifzügen durch Weltstädte wie Istanbul und London ein. Sie sichtet, wählt aus und eignet sich die Bilder der Stadt visuell an. Ihren grafisch geschulten Blick richtet sie auf Strukturen, Flächen, Linien, Muster, Raster sowie auf die vertikale und horizontale Ausdehnung der Architektur.

»Mich interessieren der Prozess der ständigen Veränderung, die atmosphärische Dichte, die Gegensätze, die Vielschichtigkeit, die sozialen und städtebaulichen Strukturen, die Umbrüche und Wunden und natürlich der spezifische Rhythmus einer Stadt. Gerade weil so viele Orte in den großen Städten austauschbar sind, suche ich das ganz Eigene und Charakteristische einer Stadt«, so die Künstlerin.

Die unverwechselbare Einzigartigkeit einer Stadt liegt nicht nur in den historisch gewachsenen Strukturen und architektonischen Wahrzeichen begründet, sondern es sind vor allem die Menschen, welche die Stadt zur Stadt machen, sie erschaffen, nutzen, gestalten und sich in ihr bewegen. Die Stadt konstituiert sich mit ihren Bewohnern. Diese erzeugen ein sich ständig veränderndes Geflecht aus alltäglichen Handlungen und Szenerien, multikulturellen Begegnungen und In-teraktionen, woraus sich die atmosphärische Beson-derheit einer Stadt entwickelt. Es sind deshalb neben den urbanen Wahrnehmungs- und Ordnungsmustern auch die ökonomischen und politischen Dimensionen wie auch Differenzen, die Verena Guther in ihren Fotoarbeiten reflektiert. Sie begreift die Stadt als Metapher für Bewegung und Expansion, als Medium für wechselnde Wahrnehmungs- und Veränderungsprozesse sowie als Matrix für ihre Bilderzyklen.

Als scheinbar unendliche Bildmaschine produziert die Großstadt einen Fundus an Ansichten, Stimmungen und Eindrücken, die den eigenen Kreativitätsfluss intensiv anregen. Die Künstlerin setzt sich dieser Bilderflut großstädtischen Lebens aus. Sie erforscht mit dem Fotoapparat und der Filmkamera das Bildpotential urbaner Schauplätze und transformiert bzw. konzentriert sie in ihren Collagen und digitalen Bildmontagen. Dabei fließen medienreflexive Überlegungen in ihre Themenzyklen, in denen Fotografie und Malerei ineinander verwoben sind, ein.

Fotografie und Malerei im Dialog

Fotografie prägt unsere allgemeine Vorstellung von einer objektiven Zeugenschaft, von Glaubhaftigkeit und einem Höchstmaß an Wirklichkeitsnähe. Wenn die Künstlerin ihre fotografischen Aufnahmen einer zeitbeschränkten Realität später im Atelier mit Ausschnitten aus ihren Gemälden kombiniert, sucht sie bewusst sowohl die Durchdringung als auch Abgrenzung dieser unterschiedlichen Bildmedien. Sie lotet deren Möglichkeiten einer Auseinandersetzung mit den Phänomenen Raum und Zeit aus. Gemalte Farbfelder, gestempelte Muster, gedruckte Streifen und Schriftzeichen überlagern die Spiegelbilder der realen Welt und damit das fotografische Motiv, unterbrechen und ergänzen es oder entwickeln es weiter bis hin zu zeitlos wirkenden Kompositionen. Auf diese Weise bereichert sie den eingefrorenen fotografischen Augenblick mit dem Lebenselixier ihrer Malerei. Man könnte auch sagen: Eine eher objektive Bestandsaufnahme von Urbanität wird in ästhetisch ausdifferenzierte, subjektive Bildkonstruktionen verwandelt.

Bereits während des fotografischen Prozesses arbeitet sie parallel an ihrer Malerei. Farbspuren legen sich über die Fotografie, verdecken sie fast bis zur Auflösung oder breiten sich als transparente Ebene darüber aus. So werden städtebauliche Details, die oftmals von klaren Formen, Flächen und Linien dominiert werden, von der Emotionalität und Sinnlichkeit malerischer Farbräume überformt. Spontaneität und Zufall bringen zudem individuelle Lebensrhythmen und Brüche in das Bild. Auf die rationale Strenge der Architektur, die in der strukturellen Perfektion der Gebäudefassaden und den stereotypen Gebäudemodulen zum Ausdruck kommt, antwortet sie mit der Gestaltung vital leuchtender und gestisch bewegter Bildräume. Ihre Collagen und Montagen sind deshalb ihrem Charakter nach weder eindeutige Dokumente noch reine Erfindungen. Viel eher könnte man sie als Zwitterwesen bezeichnen, die Bezüge zu urbanen Realitäten aufzeigen und sich zugleich in neue Seh-Räume verwandeln. Der Künstlerin geht es somit nicht um die Wiedergabe eines realen Abbildes von Wirklichkeit, sondern um die Gestaltung narrativer Bildräume, die vorgeben, ein Bild der Welt zu zeigen und dabei eigene Bildwelten entwerfen.

Immer treten Fotografie und Malerei in einen Dialog, um aus räumlichen Fragmenten und malerischen Segmenten Bilder entstehen zu lassen, die ein großes Suggestionspotential entfalten. Ein eigener visueller Rhythmus baut sich auf, der den Betrachter zu verwirren vermag. Dieses ausgewogene Spiel mit Realität, Täuschung und Illusion setzt der Leere und Anonymität der Großstadt eine semantische wie auch sinnliche Fülle entgegen. Der Betrachter kann eintauchen in ihre atmosphärisch verdichteten Bildräume und Emotionalität wie auch Menschlichkeit spüren. Damit gibt sie den Städten das zurück, was sie zunehmend verlieren.

Stadtporträts im Wandel
Ost-West Metropolen II: Istanbul und London

Aus dem umfangreichen Foto- und Recherchematerial, das sie auf ihren Reisen durch die Metropolen dieser Welt gesammelt hat, trifft die Künstlerin eine Auswahl nach bestimmten Themen, wiederkehrenden Strukturen im Disparaten, Formen und Farbfeldern, wechselnden Perspektiven wie Auf-, Nah- und Untersicht. So auch in den aktuellen Fotoarbeiten von Istanbul. Zum Beispiel ›Istanbul I‹: Ein Häusermeer breitet sich scheinbar grenzenlos aus, unterbrochen vom Bosporus, der die Stadt eindrucksvoll in West und Ost teilt. Als einzige Megacity der Welt liegt Istanbul auf zwei Kontinenten. Die Galatabrücke ist Verbindungsglied zwischen den stadtgeschichtlichen Epochen und Treffpunkt unterschiedlicher Lebensformen. Spannungsgeladene Gegensätze zwischen Ost und West, Tradition und Moderne, Orient und Okzident, Arm und Reich, Aberglaube und Wissen dominieren das Leben und suchen nach einer Balance. So trifft in der Fotomontage ›Istanbul I‹ die wuchernde Stadtlandschaft auf farbige Teeblüten, die an ein verwelktes Blumenmeer denken lassen.

In den kleinformatigen Collagen auf Holz aus dem Bilderzyklus ›Istanbul – teşekkür ederim‹ entfaltet die Künstlerin ein Feuerwerk an Eindrücken, Begegnungen und Beziehungen, aus dem sich ein facettenreiches Porträt dieser Stadt herauskristallisiert. Verschleierte Frauen treffen auf westliche Freizügigkeit. Alltagsszenen werden durch Kompositionen aus Bildfragmenten und floralen Ornamenten zu poetischen Bildcollagen. Tradition trifft auf moderne Überwachungstechnik und Exotismen auf kapitalistische Nüchternheit. Der piktorale Wildwuchs aus der modernen Alltagskultur Istanbuls kommt mit einem weiteren Themenschwerpunkt der Istanbul-Serie in Berührung: Mit Istanbul als Hauptstadt von Weltreichen, einem Ort mit unzähligen Moscheen, Gotteshäusern, Palästen, Bau- und Kulturdenkmälern. Zudem zeigen Bildmotive des Harems in Verbindung mit osmanischen Schriftzeichen eine außergewöhnliche, märchenhafte Perspektive auf die früher streng bewachte Privatsphäre des Sultans.

Leben in Istanbul ist auch Leben im Überschwang: Um die Vielfalt und Widersprüchlichkeit Istanbuls zum Ausdruck zu bringen, hat Verena Guther die Technik der Collage gewählt. Wenn es eine strukturelle Verbindung zwischen einer urbanen Sphäre der Komplexität und der künstlerischen Collage gibt, dann liegt diese in ihrer Eigenschaft als verdichteter Bewegungsraum, als Schauplatz der Kontraste und Übergänge. So lassen ihre Collagen eine Vorstellung vom nostalgischen Flair des pittoresken alten Istanbul und dessen historischer Größe aufscheinen. Sie kommunizieren die »unsterbliche Energie« (Orhan Pamuk), die in dieser Stadt zu spüren ist, und führen zugleich Armut und Verfall vor Augen. Ein buntes Gewebe aus alten und neuen Gebäuden, islamischen Ornamenten, aktuellen Werbeslogans, religiösen und staatlichen Symbolen, Alltag und Mode spiegelt das vielschichtige Bild einer modernen Weltstadt, in welcher der einzelne Mensch seine Identität sucht.

Zu den klassischen Metropolen Europas zählt London, eines der weltweit wichtigsten Kultur,- Finanz- und Handelszentren. Eng stehen historische Bauwerke neben eleganten Bürohochhäusern. Kräne weisen auf rege Bautätigkeiten hin. Auch in den 2014 entstandenen kleinformatigen London-Collagen kombiniert die Künstlerin spielerisch und assoziativ Bausteine großstädtischen Lebens mit Ausschnitten aus ihrer Malerei. Architektonische Nahansichten werden mit abstrakten Farbfeldern zusammengebracht und verwandeln sich in eine Art Bühnenarchitektur. Hell- und dunkelblaue Farbfelder transformieren die Hochhäuser des Bankenviertels in eine künstliche Hintergrundkulisse. Farben wie Rot und Orange werden be-wusst eingesetzt, um Licht und Wärme in die großstädtischen Akkumulationen zu bringen. Indem sie in bestehende Kontexte eingreift, sie dekonstruiert und dann nach eigenen Maßstäben neu ordnet, fokussiert sie den Blick auf städtebauliche Strukturen und immer wiederkehrende Fassadenraster.

Das Spezifische liegt in den Details, die sie akzentuiert: der Schriftzug auf einer Häuserwand, ein grüner Eingangsportikus, rote Busse, blaue Baukräne. Um zugleich die atmosphärische Dichte in den Blick zu nehmen, führt sie Aufsicht und Ansicht urbaner Räume und Bebauungsformen in einem Bild zusammen. Es ist auch das über einen langen Zeitraum Gewachsene des Stadtraumes, dieses Aneinanderrücken bzw. fast Erdrücken der historischen und modernen Gebäude, das sie in ihrer London-Serie thematisiert. Panoramen versprechen eine Übersicht nach Art der klassischen Vedute. So lässt der Panoramablick auf das Häusermeer und die Straßen von London in der Fotomontage ›London II‹ den Betrachter zunächst glauben, dass er einer vertrauten touristischen Ansicht gegenüber steht. Doch schnell bemerkt er eine irritierende Vermischung realer und fiktiver Ebenen. Ungewohnte Blickwinkel, Größenverhältnisse und Kombinationen verschiedener Szenerien stören die vertraute Orientierung. Wir schauen aus der Vogelperspektive auf London: Diese Überschau erzeugt zunächst ein Bewusstsein von mentaler und körperlicher Distanz und zieht dann doch den Betrachter sogartig an.

Der Mensch taucht auch in dieser Fotoarbeit auf, und zwar vor einer Wand farbiger Streifen. Es ist ein Strom von Menschen, die eilig und geschäftig unterwegs sind und keine Notiz von ihrer Umgebung nehmen. Vor der überwältigenden Stadtkulisse ist der einzelne Mensch nur eine Randfigur. Während die Stadt scheinbar starr und ungerührt in sich ruht, sind die Bewohner in ständiger Bewegung. »Der Mensch prägt das Bild einer Stadt und die Impulse, die von einer Stadt ausgehen. Er ist Teil eines Ganzen, in dem von ihm geschaffenen Stadtgefüge. »In meinen Bildern taucht er als ›Masse Mensch‹, als anonymer Protagonist oder als Maßstab im Verhältnis zu Architektur und Stadtraum auf«. (Verena Guther)

Stadtporträts im Wandel
Ost-West-Metropolen I: Shanghai und New York

Während eine Metropole wie London 130 Jahre brauchte, um auf acht Millionen Menschen anzuwachsen, legten Mexiko City oder Shanghai diese Entwicklung in nur 30 Jahren zurück.

Folgen wir einer Blickverschiebung von der klassischen europäischen Metropole London hin zu der wuchernden Megastadt Shanghai, vor deren Gigantismus jede herkömmliche Auffassung urbaner Funktionsweisen in Frage gestellt wird, so wird deutlich, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit dem großstädtischen Terrain immer auch eine gesellschafts- und kulturpolitische Dimension umfasst. Ve-rena Guther richtet ihr Augenmerk in dieser Serie auf Umbruchphasen in der Stadtentwicklung. So wurden in einem beispiellosen Prozess der Modernisierung bestehende bauliche Verhältnisse zerstört und eine vollkommen neue städtische Substanz geschaffen – und zwar in atemberaubender Geschwindigkeit.

Der Blick ist aus der Ferne und von einem erhöhten Standort auf Shanghai gerichtet. Es ist nicht der Blick eines Bewohners, sondern der eines Distanz haltenden Beobachters. Mehrspurige Verkehrsadern schlängeln sich in der Fotomontage ›Shanghai I‹ wie Fluchtbahnen durch den menschenleeren Stadtraum. In ›Shanghai II‹ breitet sich, durch die Betonung der Vertikalität dieses rasante Wachsen noch hervorhebend, eine schier endlose Folge von modernen Hochhäusern und kleinen Reihenhäusern aus. Es ist eine erdrückende Fülle an Gleichförmigkeit, die bildbeherrschend wirkt. Zudem erschwert die suggestive Geometrie der Wiederholung jede lokale Identifizierung, würde nicht im Hintergrund ein chinesisches Schriftband auf sich aufmerksam machen.

›Shanghai III‹ (Seite 15) führt anonyme Hochhausarchitekturen in Fern- und Nahsicht vor Augen. Genormte Fassadenelemente, baugleiche Fenster und Balkone, Beton und Glas kennzeichnen die standardisierte Bauweise. Individuelle Spuren in Gestalt von horizontalen Linien und einer belebend wirkenden Farbfläche sind auch hier von Verena Guther gesetzt worden. Sie stoppen den Expansionsdrang der architektonischen Vertikalität.

›A Dream of Shanghai‹ so lautet der Titel einer Serie, an der die Künstlerin seit 2008 arbeitet. In diesen kleinformatigen Collagen entwirft sie ein kaleidoskopartiges Bild von Shanghai. Sie verwendet Bänder, Stoffe, Zeitungsartikel, eigene Stempel und typografische Elemente. Schicht für Schicht fügt sie diese unterschiedlichen Bildelemente an- und übereinander, durchmustert den fotografierten Stadtraum, feiert die Fülle an Farben, Zeichen und Symbolen. Es ist eine verzaubernde Parallelwelt, die geplant ist, aber sich auch aus einem spielerischen Prozess der Neuordnung entwickelt.

New York: »Von allen Städten dieser Welt hat New York sich am stärksten selbst zerstört, um zu wachsen: in hundert Jahren wird man von Hadrians Rom mehr greifbare Spuren sehen können als vom heutigen New York mit seinen Glas- und Kunststofffassaden«, schreibt Richard Sennett in seinem Aufsatz ›Körper und Stadt in der westlichen Zivilisation‹. Völlig funktionstüchtige Gebäude verschwinden mit derselben Regelmäßigkeit wie neue auftauchen. Und Stadtteile wie Chelsea wandeln sich vom Industriestandort in ein schickes Dienstleistungsviertel. Energien der Zerstörung und des Wiederaufbaus großer Bürogebäude, Apartmentblocks und Stadthäuser durchströmen das Leben in dieser Stadt. Hinzu kommt das gigantische Verkehrssystem, das Robert Moses in den 1920er und 1930er Jahren für New York mit dem Ziel entwarf, eine Stadt zu bauen, die sich am bewegten Körper orientiert. Individuelle Mobilität war oberste Prämisse.

Der Betrachter schaut aus der Vogelperspektive auf unzählige Yellow Cabs in der hochformatigen Fotomontage von 2011 ›New York XXXIX‹. Der Bewegungsfluss der Autos wird durch einen horizontalen Bildausschnitt gebremst, auf den der Blick frontal zusteuert und dort scheinbar zur Ruhe kommt. Korrespondierend mit dem Verkehrsstrom ist ein Farbfeld in Blau und Orange am linken Bildrand eingeblendet, wodurch der Takt des Autoverkehrs und der individuelle Malduktus aufeinander treffen. Mit konträren Perspektiven arbeitet die Künstlerin in der Fotomontage von 2009 ›New York XXVIII‹. Aus einer leicht erhöhten Position fällt der Blick auf einen Straßenausschnitt, der in die Tiefe führt, ein Malereifragment nimmt die Bewegungsdynamik auf. Von hier aus wandert der Blick an der mächtigen Gebäudefassade empor, um schließlich in einer gemalten Architekturszenerie die Wärme der Farbe zu spüren. Und in der Collage ›Second View‹ verwandeln sich Wassertanks, die sich auf den Dächern von Chelsea befinden, in eine verträumt wirkende Industrielandschaft.

Die Welt begreifen

Auf den gleichmachenden Charakter moderner Stadtarchitektur antwortet Verena Guther mit assoziationsreichen und vielschichtigen Bildräumen, in denen die einzelnen Städte ihren jeweils spezifischen Charakter erkennen lassen und als Lebensraum wahrgenommen werden. Sie geht in die Welt hinaus, blickt sowohl aus der Distanz als auch aus der Nähe auf die Stadträume, beobachtet konzentriert und stellt in ihren Arbeiten den Makrokosmos und den Mikrokosmos in einen komplexen Dialog. Dadurch präsentiert sie eine neue ungewohnte Sicht auf die Städte und lässt gleichzeitig Raum für die eigene Wahrnehmung. Konsequent ist deshalb ihr Arbeiten mit der Denk- und Darstellungsform der Collage bzw. Montage. Techniken, die mit Schnitt und Zusammenfügen arbeiten, entsprechen einem zeitgenössischen Lebensgefühl. So kommt in einer wegen ihrer Heterogenität und Komplexität kaum vollständig zu erfassenden globalen Welt dem Fragmentarischen eine besondere Funktion zu. Denn im Zusammenfügen von Einzelelementen liegt die Möglichkeit der Rekonstruktion und Neuschöpfung von fiktiven Ganzheiten. Analyse und Synthese sind ebenso möglich wie Destruktion und Konstruktion, Recycling und Erneuerung, Raumaneignung und Weltentwurf. Die Wirklichkeit wird in den Arbeiten von Verena Guther zugespitzt, übertrieben oder poetisiert, um im Kontext der Kunst dem subjektiven Erleben Raum zu geben.

Dr. Heiderose Langer

↑ nach oben

© 2014 Verena Guther   |   E-Mail   |   Impressum   |   Datenschutzerklärung