Verena Guther

Verwandlung als Konstante

Verena Guther: New-York-Montagen

Bereits seit zehn Jahren zieht es Verena Guther in konzentrierten Arbeitsphasen in die Weltmetropolen – auf den Spuren ihrer Unverwechselbarkeit. Den Rhythmus einer Stadt finden, ihn in der Bildstruktur wiedergeben, verdichtet und zum Konzentrat eingeschmolzen, das ist Antrieb und Reiz ihrer poetischen Fotomontagen. Fasziniert von der atmosphärischen Dichte einer Stadt, ihren Widersprüchen und ihrer Vielschichtigkeit, die sich in den sozialen und städtebaulichen Strukturen niederschlägt, konzentriert sich ihr Blick auf jene Gegenden, in denen Veränderungen im urbanen Gefüge sichtbar werden. Ihrer Konzeptidee folgend, notiert und dokumentiert sie mit ihrer Kamera aus unterschiedlichen Perspektiven, was an Um- und Aufbruch, architektonischer Statik und Bewegung im Stadtraum geschieht. Diese Notate bilden die Grundlage und den Schwerpunkt ihrer klar komponierten Fotomontagen.

Interessiert an den unermüdlichen Metamorphosen der Metropolen, erforscht Verena Guther ihre Lineatur und ihr spezifisches Farb- und Formenrepertoire, das sie nach ästhetischen Prinzipien immer wieder neu kombiniert. Dabei ist der subjektive Eindruck für sie zentral. Ihre Stadtansichten zeigen bekanntes und weniger vertrautes Terrain in ungewöhnlichen Verknüpfungen. In ihnen verweben sich Aufsicht und Detailansicht durch die Verdichtung analoger Strukturmotive und Farbakzente zu spannungsvollen Bildgeweben, die in ihrer poetischen Qualität einem jeweils spezifischen Rhythmus folgen. Der grafische Gestus eines Stadtbildes ist dabei ebenso ausschlaggebend wie dessen farbliches Durchwobensein.

Die Wunden

Während ihres Studiums der experimentellen Grafik bei Helmut Lortz in Berlin konnte Verena Guther hautnah erleben, wie sich die Physis einer Stadt durch die historischen Brüche verändert. Als die Mauer fiel, griff die architektonische Kosmetik tief in die Konturen des Stadtfelds ein, manche Wunde wurde geschlossen, andere aufgerissen. Ganze Stadtteile haben ihr Gesicht so vollständig verändert, dass sie kaum mehr wiederzuerkennen sind. Ähnlich tiefgreifend sind auch die Eingriffe in die Stadtphysis New Yorks, die mit dem Verlust ihres Wahrzeichens einen besonders wunden Punkt ihrer Identität architektonisch aufzufangen hat. Verena Guther spürt die Veränderungsprozesse mit ihrer Kamera auf – in Chelsea, dem Meat Packing District und dem Financial District – und berichtet davon in ihren Fotomontagen.

Der Rhythmus

Gleichzeitig angezogen und abgestoßen vom pulsierenden Treiben New Yorks, widmet Verena Guther diesem Schmelztiegel der Kulturen und Architekturen ihre ausführlichste Fotorecherche. Sensibel und analytisch klarsichtig löst ihr Blick charakteristische Strukturen aus dem urbanen Gewimmel heraus. New Yorks Architektur wird dominiert von Skyscrapern und den von gelben Taxis emsig durchflossenen Verkehrsadern – beides Hinweise auf eine grundlegend vertikale Syntax, die den Eindruck unermüdlicher Bewegung suggeriert. Manche der Montagen greifen im vertikal schlanken Bildformat Pulsschlag und Strukturfluss der Stadt auf. Verkehrsfluchten mit flottierenden Yellow Cabs, frontal in Aufsicht und aus der Höhe gesehen, vermitteln den Eindruck eines Strömens, der von einmontierten malerischen Fragmenten, gelben Punkten oder orangen Kerben, verstärkt oder gebrochen wird. Die Farbe wirkt dabei wie eine Wärmeader, durch die Leben pulst. Weitere Akzente der rhythmischen Analyse bilden etwa die markanten Dachlandschaften New Yorks, deren Spezifikum die wie Schlote in den Himmel ausgreifenden Wassertanks sind, sowie monumental ins Bild gesetzte Gebäuderiesen, die Verena Guther durch die Schachtelung verschiedener Perspektiven als Dokument ästhetisch herausragender Architektur inszeniert. Auch der Mensch prägt das Bild einer Stadt. Bei Verena Guther taucht er als »Masse Mensch« auf: Als Punktgewimmel flimmert eine Fußgängermasse durchs Bild, von der grafischen Wirkung her den Strichelungen der eingearbeiteten Zeichnungen ähnelnd. Die Künstlerin zeigt den Menschen in Relation zu der von ihm selbst gestalteten Umgebung: Angesichts der Dichte der ihn umschließenden Architektur ist er einzig in der Masse noch wahrnehmbar – zum Farbband aufgereiht vor einer gigantischen Architekturkulisse oder – einem Fischschwarm ähnelnd – als Bewegung.

Die Nahtstellen

Durch Addition oder Kontrastierung unterschiedlicher Perspektiven und Bildebenen erforscht die Künstlerin in ihren Kompositionen die Beziehung zwischen Architektur und Stadtraum. Von erhabenen Standorten aus schweift die Kamera eben noch übers Häusermeer und fantasiert die Stadt als eine Horizontlandschaft auf- und abtauchender Betonkonturen, um im benachbarten Bildausschnitt unvermittelt in die verschachtelte Dichte architektonischer Binnenstrukturen einzutauchen. Abrupte Wechsel zwischen Nähe und Distanz, Weitblick und Einblick sind ebenso kennzeichnend für Guthers Arbeitsweise wie die Bildbrüche, die den Motivkombinationen durch malerische Nahtstellen beigebracht werden. Zwischen die Ausschnitte schiebt die Künstlerin Details ihrer Gemälde und verbindet beide Ebenen digital zu einem Bild. Dadurch wird die Illusion eines in sich geschlossenen Bildraumes durch markante – oder in neueren Arbeiten eher transparent die Fotografie überdimmende – Farbstreifen blockiert. Die malerischen Einsprengsel nehmen dabei sensibel die in der Fotografie dominierenden Strukturen wieder auf, übersteigern sie ornamental, lösen sie aus ihrem Kontext und führen sie als grafische Spur fort. Der unbeschwerte Umgang mit den urbanen Strukturen und Farbaspekten verleiht den aus subjektiven Eindrücken frei zusammengesetzten Stadtansichten eine überraschende Heiterkeit und Frische, die unverbrauchte Blicke auf touristisch ausgeschlachtete Standorte ermöglicht.

Der subjektive Gestus

Da sich die Komplexität einer Großstadt nicht im Bild-Solitär erfassen lässt, arbeitet Verena Guther in Serien. Das Kombinieren verschiedener Stadtansichten, das spielerische Einmontieren farblicher Akzente und die Verdichtung der Bildidee mittels Addition, Kontrastierung oder Isolierung ist ihre Art und Weise, sich eine Stadt vertraut zu machen, sie zu begreifen und zu ihrem grafischen Wesenskern vorzudringen. Dass im Entstehungsprozess der Bilder das Medium der Fotografie dominiert, erklärt nicht zwingend den dokumentarischen Charakter der Bildmontagen zu deren Hauptanliegen – obwohl in ihnen natürlich auch Zeitgenschichte festgehalten wird: Rasant rauscht Gott Chronos über die im Bild gebannten Verwandlungen des Stadgeschehens hinweg. Gerade weil sich die Bilder am Puls der Zeit, also den Metamorphosen der Stadt, orientieren, sind sie schon im Moment ihrer Aufnahme Geschichte. Wenn die Fotografie schon nicht die Vergänglichkeit aufhalten kann, so gilt sie immerhin als wertneutral. Während sie also die technisch-objektive Bildgrundlage bereitstellt, ergänzen die später eingeflochtenen Ausschnitte der Malerei in ihrem handschriftlichen Gestus das Bildgeschehen bewusst subjektiv und entwickeln die gefundene Spur eigenständig weiter.

Verena Guther nähert sich dem Wesen einer Stadt auf mehreren Ebenen bildhaft an. Der poetische Duktus ihrer Arbeiten lebt von der Faszination für ästhetische Blickwinkel und von der Leidenschaft für farbliche Analogien und grafische Zusammenhänge. Sie macht dadurch deutlich, dass der Charakter einer Stadt nichts Starres, Endgültiges ist. Stattdessen erfindet jede neue Zeit ihre eigenen urbanen Merkmale, bringt eigene Standpunkte hervor und erklärt alle vermeintliche Sicherheit als relativ. Grit Weber schrieb dazu treffend: „Guther zeigt uns die Städte als flexible Gefüge, keine Einheiten also, sondern bewegte Heterogene, die immer an die neuen Bedingungen angepasst werden müssen. Der physische Raum der Straßen, Häuser, An- und Aufbauten ist nur bedingt stabil, zwar fester als die Menschenmengen, die von Zeit zu Zeit durchs Format ziehen, aber eben nicht unbegrenzt auf Dauer gestellt.“ Den trotz allen Wandels dennoch unverwechselbaren Geist einer Stadt, ihre Atmosphäre also durch das System aus Zeichen und Strukturen spürbar werden zu lassen, das ist Verena Guthers künstlerisches Anliegen.

Anja Trieschmann, Journalistin, Kalender 2011 Schwäbische Bank

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