Verena Guther

Katalogtext Ost-West-Metropolen Shanghai - New York

Fotomontagen und Collagen von Verena Guther

»Kunst ist das, was Welt wird, nicht was Welt ist.« (Karl Kraus)

Begriffe wie ›globales Dorf‹ oder ›Reurbanisierung‹ flimmern häufiger denn je durch die Medien. Nie war der Sog in die Städte größer, nie war mehr bauliche Verdichtung als heute. Etwa die Hälfte der Menschheit lebt derzeit in urbanen Zusammenhängen – in West wie in Ost. Landflucht ist längst ein globales Phänomen. Prognosen berechnen, dass im Jahr 2030 zwei Drittel aller Menschen Städter sein werden. 1950 hielten London und Los Angeles als einzige Städte mit mehr als acht Millionen Einwohnern den Rekord. Heute explodieren Ballungszentren, Megastädte mit über zehn Millionen Einwohnern schießen besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern aus dem Boden. Ihr Wachstum ist alarmierend, weil häufig unkontrolliert alte Bausubstanz gegen neue ausgetauscht und Menschen dafür umgesiedelt werden. Zudem drücken wirtschaftliche Interessen der Infrastruktur ihre Stempel auf, der Mensch ist angesichts einer von internationalem Wettbewerb angetriebenen Architektur nur mehr eine verschwindende Größe.

Die Panoramaansichten solcher Ballungsräume, in denen Fremdinvestoren urbane Kosmetik im Zeitraffer betreiben, gleichen sich auf den ersten Blick wie ein Ei dem anderen. Doch wie eine Stadt ›tickt‹, welchem Rhythmus sie gehorcht und welchen Charakter sie ausprägt, was sie also atmosphärisch und strukturell unverwechselbar macht, verrät der Vorzeigeblick nicht. Eine Stadt zu begreifen verlangt nach einer ausgewogenen Mischung aus analytischem Blick und Einfühlungsvermögen, es braucht dafür den Willen zur Begegnung wie den Mut zu Distanznahme und Abstraktion: den zweiten Blick, hinter die Kulissen.

Bereits seit zehn Jahren zieht es Verena Guther in konzentrierten Arbeitsphasen in die Weltmetropolen – auf den Spuren ihrer Unverwechselbarkeit. Ihrer Konzeptidee folgend, notiert und dokumentiert sie mit ihrer Kamera aus unterschiedlichen Perspektiven, was an Um- und Aufbruch, architektonischer Statik und Bewegung im Stadtraum geschieht. Diese Notate bilden die Grundlage für ihre großformatigen Fotomontagen und haptischen Bildcollagen. Ihre besondere Qualität entfalten sie durch die Verdichtung analoger Strukturmotive und Farbakzente zu spannungsvollen Bildgeweben. Poetisch ist zudem der Blick, mit dem die Darmstädter Künstlerin den Rhythmus einer Stadt kompositorisch verschichtet: Sie lässt sich dabei vom grafischen Gestus eines Stadtbildes ebenso wie von ihrem farblichen Durchwobensein inspirieren.

Da sich die Komplexität einer Großstadt nicht im Bild-Solitär erfassen lässt, arbeitet Verena Guther in Serien. Die klar komponierten Fotomontagen kontrastieren dabei vorwiegend die Beziehungen zwischen Architektur und Stadtraum. Beispiel New York: Die Montagen greifen im vertikal schlanken Bildformat Pulsschlag und Strukturfluss der Stadt auf. Verkehrsfluchten mit flottierenden Yellow Cabs, frontal in Aufsicht und aus der Höhe gesehen, vermitteln den Eindruck eines Strömens, der von einmontierten malerischen Fragmenten, gelben Punkten, orangen Kerben, verstärkt oder gebrochen wird. Die Farbe wirkt dabei wie eine Wärmeader, durch die Leben pulst. In neueren Arbeiten verschwimmt die Malspur oft zur Lasur, bildet transparente Farbfelder und atmosphärische Verdichtungen, die den Realismus der Stadtbilder poetisieren.

In den quadratischen Collagen dagegen setzt die Künstlerin Fragmente der Wirklichkeit in neue Zusammenhänge. In einem Prozess sich schichtweise überlagernder Neuordnung legt sie dabei Wesen, Struktur und Rhythmik eines spezifischen Stadtorganismus frei. Der zeit-dokumentarische Charakter der Kompositionen wird dabei vom Moment verwandelnden Eingreifens zurückgedrängt: Ästhetische Entscheidungen takten die Bildordnung, innerhalb derer das Fotomaterial mit malerischen Akzenten und zeichnerischen Fortschreibungen prägnanter Strukturen in dialogische oder kontradiktorische Beziehung gesetzt wird.

Die New-York-Collagen zeigen eine ineinander verschachtelte Architektur, die auf der Schwelle von Umdeutung und Wandel steht: Die schrundigen Industriebauten des Meatpacking-Districts hat sich vor wenigen Jahren ein hippes Dienstleistungspublikum als Standort ausgeguckt. Die rostigen Wassertanks dienen heute überwiegend als Kulisse für die trendige Shoppingmeile, die in die Schlachter- und Industriehallen gezogen ist. Das Nebeneinander von Alt und Neu birgt ästhetische Reize, denen Guthers Collagen sensibel nachspüren. Gleichzeitig wird darin die Kehrseite der urbanen Umwidmung sichtbar: Denn wo Investoren Umsatz wittern, geht nicht nur günstiger Wohnraum verloren, da ziehen auch Scheinwelten ein und Gewachsenes wird verdrängt. Das quadratische Format fungiert als Fenster in eine fremde Realität. Lesend, forschend gräbt sich das Auge durch die verschiedenen in der Collage abgelagerten Ebenen, um die dahinter verborgene Realität zu erfassen: Etwa die Furcht des Menschen davor, sich in seinen Scheinwelten zu verlieren oder sich unbedeutend zu fühlen angesichts der Mächtigkeit der von ihm selbst geschaffenen Welt. Einen »unerschöpflichen Raum, ein Labyrinth von endlosen Schritten« nennt der Schriftsteller Paul Auster die Metropole, die, wie gut man sie auch zu kennen glaube, das Gefühl hinterlasse, »verloren zu sein«.

Kristallisationspunkt der Fotorecherchen von Verena Guther sind die Wunden einer Stadt, ihre Baustellen und Einrüstungen. Die Künstlerin nennt sie die »inneren Peripherien«. Einerseits sind sie als zeitgenössisches Sinnbild für den Prozess der Verwandlung zu verstehen, der alles Lebendige kennzeichnet. Unterschwelliger lassen sie sich jedoch auch als Warnsignal für die fatale Missdeutung ungebremsten Erneuerungswahns deuten. Erfahrbar wird die Ambivalenz dieser Metamorphosen in der Stofflichkeit der Bildcollagen, in denen Analogien zwischen architektonischen Perspektiven und Farbspur, Detailansichten und grafischer Fortschreibung zu einer engmaschigen Textur verwoben werden.

In den Shanghai-Collagen wird die Kehrseite städtebaulicher Enthemmtheit u.a. als eine rasante Verengung des Lebensraumes visualisiert: Kran- und Gerüstlandschaften werden zu bizarren Gittergrafiken verdichtet. Fragmenthaft arbeitet Verena Guther Malerei in die fotografischen Raster ein, einmal als spielerisch-ästhetische, dann wieder als surrealistisch-ironische Fortsetzung der Strukturen. Die Korrelation von Fotografie und Malerei kann dabei unterschiedlichen Funktionen dienen: In vielen Bildern dominieren ästhetische Reize, die das Bildmaterial im Rausch der Farbklänge oder im Rhythmisieren von Formen addiert und kontrastiert. In anderen Exponaten erweist sich die ästhetische Ordnung als Fassade, hinter der sich der kritische Blick auf die entmenschlichende Funktionalität städtebaulicher Strukturen verbirgt. Die Beanstandung einer inhumanen Stadtplanung, die auf die Bedürfnisse der Menschen nach Entfaltung und sozialer Geborgenheit keine Rücksicht nimmt und tradiertes Kulturgut zerstört, vermittelt sich in Guthers Arbeiten nicht auf den ersten Blick. Ein sensibles Spiel mit Strukturen, Perspektiven und Farbatmosphären lenkt die Aufmerksamkeit zunächst auf ästhetisch wie architektonisch reizvolle Komponenten, die Weltmetropolen wie Shanghai ihre Sogwirkung verleihen.

Auch die Marginalisierung des Menschen im Großstadtgewebe spiegelt sich in den Bildkonstrukten der New-York-, wie auch der Shanghai-Serien: Als Punktgewimmel flimmert eine Fußgängermasse strukturauflösend durchs Bild, von der grafischen Wirkung her den Strichelungen der eingearbeiteten Zeichnungen ähnelnd. Die Künstlerin zeigt den Menschen in Relation zu der von ihm gestalteten Umgebung: Angesichts der Dichte der ihn umschließenden Architektur ist der Mensch einzig in der Masse noch wahrnehmbar: zum Farbband aufgereiht oder als flottierendes Bewegungsband (New York-Montagen) oder aber als militärische Staffage eines diktatorischen Machtgebarens (Shanghai-Collagen).

Verena Guther erforscht eine Stadt über ihre Lineatur, ihr spezifisches Farb- und Formenrepertoire, das sie nach ästhetischen Prinzipien immer wieder neu kombiniert. In den Shanghai-Collagen dominiert die Farbe Rot – Zeichen für ein grundlegendes Paradox: Denn die Farbe steht einerseits für den Kommunismus, andererseits ist sie charakteristisch für religiöse Handlungen. Als Signalfarbe unterstreicht sie das Überbordende der Bildeindrücke, unter denen die Bildquadrate zu kollabieren drohen. Doch die visuelle Überforderung ist Kalkül. Shanghai ist Widerspruch und Kontrast, ist Kitsch und Farbflut, Bauwahn und Detailanmut. Die Collagen zeigen und potenzieren das: Gebirgszugartig ragen Hochhäuser in den Himmel – davor kauern die Blechhütten der Armen, auf ihren Abriss wartend. Wie Narben spalten wulstige Verkehrsadern die auf Vertikalität angelegte Betonstruktur. Das kann sich hier und da auch zum verspielten Farbrausch oder zur Persiflage steigern: Architektonische Details, die als Leuchtkugeln durch den Nachthimmel gleiten, oder sechsstöckige Verkehrsschleifen, einer Murmelbahn ähnlicher als einer Autostraße, karikieren die Grenzüberschreitungen unkontrollierter Urbanisierung. Formale Kompositionsmittel wie Kontrast, Bildaddition und ironische Zuspitzung können so zu Zeichen einer Pervertierung von Stadtentwicklung werden, der die eigentliche Motivation ihrer Ausdehnung aus dem Blick geraten ist: Lebensraum für Menschen zu sein. Wie ein Werbespruchband, als kalligrafisches Ornament gefasst oder als Stempelabdruck im Bild versteckt, zieht sich wie ein roter Faden der chinesische Schriftzug mit dem Titel ›A dream of Shanghai‹ durch die Bildsequenzen. Die Deutung ist dem Betrachter überlassen. Er mag darin die Bestätigung einer traumwandlerisch aufstrebenden Metropole lesen oder die zerplatzte Traumblase erahnen. Verena Guthers Arbeiten lassen sich nicht auf eine einzige Lesbarkeit festlegen: Sie nähert sich dem Wesen einer Stadt auf mehreren Ebenen bildhaft an. Der poetisch-romantisierende Duktus der Bilder erweist sich dabei oft als eine Fassade, die einerseits eine schnelllebige Wirklichkeit verdeckt, andererseits von der Faszination für ästhetische Blickwinkel und von der Leidenschaft für Farbe und grafische Zusammenhänge lebt.

Anja Trieschmann, September 2010

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