Verena Guther

Katalogtext Malerei 2005

I. Stählerne Wände

Unglaublich schwer sind diese Tafelbilder, allein kaum zu bewegen, und doch hängen sie so elegant an der Wand als wären sie ein Teil von ihr. Verena Guther verwendet als Bildträger nicht nur Leinwände, sondern auch Stahlbleche. Einzelne Teile werden horizontal oder vertikal zu Querformaten montiert. Die großformatigen Werke werden in Längs- oder Querstreifen unterteilt, ein strenges Ordnungssystem der Künstlerin, das hier regelrecht zu einem Modul wird, zur Maßeinheit einer unendlichen Reihung. Jede Arbeit scheint nur Ausschnitt aus einem fortsetzbaren Bildkonzept zu sein.

Die unterschiedlich breiten Rechtecksbahnen, die bisweilen zu Sehschlitzen reduziert sind, sind Spielfelder für malerische und grafische Experimente. Streifen um Streifen ändern sich die künstlerischen Vorgaben: Einmal geht es um die Schichtung verschiedener im Farbenkreis naher Farben, wie Ultramarin-, Kobalt-, Türkisblau, mit Beimischungen von Weiß oder es wird das leuchtend-warme Farbgestöber der Kadmium-, Zinnoberrot-, Orange- bis Gelbtöne ausgelotet und dazwischen im harmonischen Dialog dazu die Rosttöne der unbemalten korrodierten Stahltafel inszeniert. Die räumlichen Impulse der Farben, ihr Herausdrängen und Abtauchen lässt Farbräume entstehen, Farbräume, die, weitab jeglicher perspektivischen Raumidee, das Hervorleuchten und Entschwinden von Farbwerten thematisieren.

Zum anderen gibt es innerhalb eines Bildes oft übergangslose Variationen zwischen nahezu glattem Farbauftrag bis zu vielschichtigem, pastosen Auftrag. Unterschiedliche Materialien wie Bitumen, Sand, Wachs oder Gips werden integriert um die Glätte der Stahlfläche zu durchbrechen. Die Oberfläche wird haptisch greifbar, es entstehen rhythmisierte Farbflächenreliefs, die mit Rinnsalen getrockneter Farbe und stehen gebliebenen Graten verstrichener Farb- und Materialschichtungen strukturiert sind.

Verena Guther trägt aber nicht nur Farbe auf, sie kratzt in die Materie hinein, ritzt bis in den Malgrund, so dass darunter liegende Farbschichten sichtbar und spürbar werden. Beinahe martialisch schälen sich die geflexten Furchen in die stählerne Wand, die, vom Rost befreit, ihre Glanzseiten präsentiert. Dass die Künstlerin aus dem grafischen Bereich kommt, wird spätestens klar, wenn man das vielfältige Nebeneinander der Strichsetzungen betrachtet: Da gibt es zarte poetische Lineaturen in Weiß, die ohne erkennbaren Duktus und Richtung zu schweben scheinen, nur noch an den Rändern wahrnehmbar sind und allmählich im blauen Farbengewölke versinken. Andere Grapheme sind in kräftigem Duktus regelmäßig nebeneinander gereiht, und wieder andere sind in vielen Schichten und vielen Farben, fahrig, fast nervös und doch ganz sanft übereinander gelagert und verdichten sich zu einer fühlbar stofflich-materiellen Gitterstruktur. Diese buchstäblich handschriftliche Netzstruktur steht im spannungsvollen Kontrast zu den maschinellen Spuren der glänzenden Stahlpatina daneben. Das Schürfen der Flex an der Oberfläche des Bildträgers kann auch ganz andere Gesichter haben. Wie exotische Gewächse drängen sich die zarten, fast tänzelnden Linien aus dem Schatten des dunklen Rot empor, als einzige vertikale Bewegung in der horizontalen Streifenlandschaft. Innerhalb der strengen linearen Unterteilung der Bilder ist der stete Wandel von Farbspuren und Oberflächentextur eine spannungsvolle künstlerische Strategie.

Die Entgrenzung des Bildformates kennen wir aus der amerikanischen Farbfeldmalerei eines Ken Noland, den Farbraumkörper von Gottfried Graubner oder Marc Rothko, die Bearbeitung des Bildträgers von Lucio Fontana, grafische Extreme von Cy Twombly und die Plastizität der Bildoberfläche aus den Mauerbildern von Willi Baumeister oder Antoni Tàpies. Verena Guther hat ihre eigenen Akzente gefunden, sie führt die verschiedenen Aspekte zu einer malerischen, grafischen wie auch materialästhetischen Stimmigkeit, die überzeugt.

Dabei ist sie jederzeit bereit das sichernde Netz des strengen Bildrasters zu verlassen. Erst kürzlich entstand ein großformatiges Bild, das in freiem expressiven Gestus die subtile Koloristik der Rot-Orange-Palette bedient und weitaus stärker die Morphologie des Bildträgers variiert . Weg von einer strengen Bildordnung bewegt sich auch eine andere Werkgruppe, die an der Schnittstelle Text-Bild operiert und sich intensiver an den in der Außenwelt gefundenen Spuren orientiert, an ihren Gegenständen, Schriften und Oberflächen.

II. Spurensuche

Verena Guther ist eine Reisende, deren Bildergedächtnis vieles speichert. Prädestiniert für visuelle Anregungen sind unzweifelhaft Großstadtaufenthalte. Schon seit ihrem Studium der Experimentellen Grafik an der HDK Berlin bei Prof. Helmut Lortz ist sie mit dem Fotoapparat bewaffnet, um zu sammeln, um sich Sehmaterial zu beschaffen, das gegebenenfalls weiterbearbeitet werden kann. Unzählige Fotografien werden als eine Art Bilderspeicher in seriellen Abfolgen archiviert und wieder ergänzt. Sie findet »Ordnungsmuster und Strukturen« (V.G.) in der Natur genauso wie in den Phänomenen der technisierten Metropole. Im Berlin der 80er Jahr, einer Stadt des Umbruchs, fotografiert sie besessen das andere, das ungesehene Berlin, »das aber direkt um die Ecke war« (V.G.), das Berlin der brachliegenden Flächen, der verlassenen Fabrikgelände, der herunter gekommenen Hinterhöfe oder der stillgelegten S-Bahnhöfe. Wenn Italo Calvino in seiner großartigen Sammlung von Städteporträts ›Die unsichtbaren Städte‹ schreibt:

»Aber die Stadt sagt nicht ihre Vergangenheit, sie enthält sie wie Linien einer Hand, geschrieben in die Straßenränder, die Fenstergitter, die Brüstungen der Treppengeländer, die Blitzableiter, die Fahnenmasten, jedes Segment seinerseits schraffiert von Kratzern, Sägspuren, Einkerbungen, Einschlägen«, dann sind es genau diese Handlinien der Stadt, die wir in den Arbeiten von Verena Guther decodieren müssen.

Die Arbeit als Grafikerin setzt den Blick fürs Detail voraus und das suchende Auge ist sowohl in ihrer Malerei, als auch in ihren Collagen und ihrer Fotografie stets spürbar.

»[…] wenn man die Welt nicht mit den Augen der Welt ansieht und sie schon im Blick hat, so zerfällt sie in sinnlose Einzelheiten, die so traurig getrennt voneinander leben wie die Sterne in der Nacht.« (Robert Musil, Tonka. In: Ders. Die drei Frauen)

Indem also der vereinfachende Blick der Gewohnheit verlassen wird und man sich den Oberflächenfacetten der vereinzelten Dinge zuwendet, sie sozusagen aus mikroskopischer Nähe betrachtet, gelingt es vielleicht ihnen einen Platz zu sichern, sie vor der ‚Traurigkeit’ des Verschwindens und der Nichtbeachtung zu bewahren. Ob Architektur, Mauern, Türen, Geschäftsläden, Plakatwände oder Aufschriften jeglicher Art, alles Gesehene ist Teil des Ordnungsprinzips einer Stadt und wird zum Ausgangspunkt für neue künstlerische Zusammenhänge. Das gilt vor allem für die kleinen quadratischen Leinwände, deren Grundlage auch eigene Fotografien sind, die weiter bearbeitet werden. Erst nach Reisen in die Städte wie New York oder Paris entstehen ihre Bilder, die die Spuren der Großstädte konservieren und sie doch verändern, Erinnerungssplitter ohne räumliche und zeitliche Koordinaten, dokumentarische Sprengsel, die malerisch überformt werden, so dass die Blicke hinter die Fassade der Stadt und die individuelle Erinnerung zu einem Amalgam aus Realitätsfragmenten, Malerei, Grafik und collagierten Materialien werden.

Für Verena Guther wird vieles zum Sehereignis, an dem andere vorübergehen. Manchmal mag es die Typographie einzelner Schriftzüge sein, die sie genauso interessiert wie die Bedeutung der Worte, mitunter der Formenverlauf einzelner Buchstaben, wie etwa die gegenläufige Bewegung des V und des A in dem Wort VAL, die ins Auge sticht. Oft ist das eingearbeitete Fotofragment des Drahtgitters, des Rollladens oder der Ziegelmauer nicht mehr von seiner malerischen Weiterführung unterscheidbar. Ist die lichtdurchflutete Gitterwand eines ›Mini Storage‹ in Chelsea malerische Invention oder Realität eines fotografischen Moments? Wie ist es mit den Rastafarben auf dem Rolladen der Reparaturwerkstatt, vermengen sich in der rückblickenden Erinnerung Farben mit Formen und Strukturelementen? Städte haben Farben und in jeder Stadt dominieren andere Farben. Vergleicht man die Bilder, dann gewinnt man den Eindruck, dass diejenigen mit den dunkleren Farben, diejenigen mit den stärkeren Hell-Dunkel Kontrasten und den kräftigeren Farben die Bilder von New York sind. Die Parisbilder dagegen sind sanfter, es gibt mehr Pastelltöne und die gesamte Bildkomposition ist weniger verdichtet. Die sich verändernde Patina von Oberflächen wird einerseits sichtbar gemacht und andererseits in einen neuen Zusammenhang gebracht. Die Wirklichkeitsrelikte werden in diesen Arbeiten also gleichermaßen gesichert wie retrospektiv künstlerisch simuliert.

Damit wandelt Verena Guther eher beiläufig auf den Spuren der ›Spurensicherer‹ (Boltanski, A.+P. Poirier, Gerz, Brodwolf...), die in den 70er Jahren mit dem Sammeln, Fotografieren, Nachbilden, Rekonstruieren oder Vervollständigen von Zeichen einer vergangenen Wirklichkeit eine eigene Kunstrichtung innerhalb der breitgefächerten ›Individuellen Mythologien‹ etablierten.

III. Faszinosum Stadt

Kleinformatig sind die neuen Arbeiten auf Papier, farbige Zeichnungen oder Malerei an der Grenze zur Grafik. ›An- und Draufsichten‹ war unlängst der Titel einer Ausstellung dieser Bilder und im Zentrum dieses Zyklus stehen wieder Paris und New York. Acryl, Öelkreide, Grafit, Tusche, collagiertes Pergamentpapier oder Zeitungsfragmente sind die Materialien, die Verena Guther verwendet um den Rhythmus und die Energie der Metropolen einzufangen. Die Bildtitel geben Hinweise auf Orte oder Situationen, die Impulse gaben für eine aufs Blatt gebannte Rhythmik von Farben und Strichen, von Formen und Linien, die trotz aller Abstraktion, den Geist des Ortes, seine Bewegungen und Schwingungen transportieren können.

Gelegentlich wird Verena Guther durchaus konkret und zeichnet in sich verdichtenden Schraffuren den für alle erkennbaren Eifelturm, der vor ca. 120 Jahren als Wunder der Ingenieurskunst galt. Zugleich Grundriss und Aufriss, ist er weder gerade, noch folgt er den konstruktiven Vorgaben des Turmgerüstes. Aufgrund einer Bombendrohung bewegten sich in diesem Augenblick, so Verena Guther, große Menschenmengen auf dem touristischen Umschlagplatz. Die Flüchtenden, Graphitstriche im staccato gesetzt, entfernen sich und werden von den umliegenden Straßen verschluckt. Straßen und Weggeflechte deuten das labyrinthische Netz der Großstadt an.

Trommelnde Linienanschläge sind bewegte Menschenmengen, fahrende Autos oder auch gereihte Fensterzeilen. Vieles ist in Bewegung geraten, man sucht vergebens eine gerade Linie und die Perspektiven sind immer leicht am Kippen. Über den Dächern von Paris sieht man Schornsteine, in den unterschiedlichsten Rottönen von Terrakotta bis Rostrot, die wie umgedrehte Blumentöpfe aussehen. Anderswo sieht man mandelförmige Bootkonturen, die wie Augenpaare vom Rive gauche hochblicken oder Wasserspeicher, die Blumen gleich, auf einer Wiese sitzen – das alles sind strukturelle Besonderheiten, die hier unter die Lupe genommen werden. Und das gilt auch für die Farben: Flüsse sind herrliche Abwechslungen in einer Stadt, doch nur in der Erinnerung kann sich die Seine in ein so wunderbar türkisblaues Gewässer verwandeln wie auf diesen Arbeiten.

Eine Verortung fällt trotz Titel oftmals schwer, aber darum geht es nicht. Verena Guther zeigt hier ihre enorm zeichnerische Sensibilität, indem sie räumliche Bezüge schafft und gleichzeitig Räume auflöst. Sie stilisiert und verdichtet Raumsituationen derart, dass die entstandenen Raumbilder erfunden und vorgefunden zugleich sind.

Verena Guther geht es nicht darum physisches Material zur Vergewisserung eines bedrohten kollektiven Gedächtnisses zu retten, d.h. Vergangenes in der Präsenz des Materials zu erinnern. Anders als in der Fotografie, filtert sie hier nur mit Farbe, Stift und geklebtem Pergament das Gesehene. Man gewinnt trotzdem den Eindruck, als hätten sich die topografischen Eigenheiten der Orte, mehr noch, ihr genius loci, fest in ihr Gedächtnis eingeschrieben. Und um noch einmal Italo Calvino zu zitieren, das Besondere einer Stadt besteht »aus Beziehungen zwischen ihren räumlichen Abständen und den Geschehnissen ihrer Vergangenheit.«

Andrea Suppmann, Darmstadt

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