Verena Guther

Katalogtext Fotografie Städte 2005

Urbane Syntax

Bereits vor über dreißig Jahren hat Henri Lefèbvre von einer »vollständigen Verstädterung der Gesellschaft« (*) gesprochen; Was damals noch als eine Hypothese formuliert wurde, ist mittlerweile kaum umstritten: Die meisten Menschen wohnen mittlerweile in Städten und auch ländliche Gebiete existieren nicht losgelöst von urbanen Zentren, sondern stehen in enger Beziehung zu den Metropolen der Welt. Was aber macht eine Stadt heute aus? Wie kann man also ihre atmosphärische Dichte, ihre Farben und Formen, den spezifischen Rhythmus und Pulsschlag einer Megacity wie New York oder Rio de Janeiro in Bilder konzentrieren, wie diese konträren Ordnungsmuster, die Überlagerungen und Umbrüche in ihrer baulichen Strukturen fassbar machen?

Mit klarem und höchst sensiblem Blick für Details thematisiert Verena Guter diese Fragen und schält in ihren Bildern die je eigenständigen Aspekte der Metropolen heraus. Was sie von ihren Arbeitsaufenthalten in den Städten als fotografische, filmische und mentale Materialien mitbrachte, übersetzt sie nun in klar komponierten Bildmontagen. Da fallen zunächst die Skyscrapers von New York ins Auge: Hier wird vor allem die Beziehung der Architektur zum Stadtraum ausgelotet. Kein Wunder also, dass die New-York-Serien als markantes Gestaltungsprinzip streng vertikale Formate aufweisen. Die Künstlerin ordnet die fotografischen Einzelbilder des Häusermeeres untereinander, man erkennt das Chrysler Gebäude, wie es sich in den Ausschnitten immer näher heran schiebt, so nah, dass man seine markante Konstruktion, den Strahlenfächer der Dachspitze und das glänzende Metall, genau studieren kann. Zwischen diese Ausschnitte hat die Künstlerin Details ihrer Gemälde geschoben und beide Ebenen digital zu einem Bild verschmolzen. Die Illusion des fotografischen Bildraumes wird durch die kräftigen Farbstreifen immer wieder geblockt. Andererseits finden zeichenhafte Allianzen zwischen Fotografie und Malerei statt; So setzt sich die Hochhausantenne im Gemälde fort, oder man entdeckt die gestreckte Skyline der Hochfinanz als gezeichnete Struktur wieder.

In der Paris-Serie sind die Vertikalen in der Minderzahl und auch die Architektur tritt gegenüber dem Leben in den Straßen in den Hintergrund. Das Interesse gilt hier der Mode und dem Lifestile und Paris ist natürlich die Stadt, von der aus die kräftigsten Impulse in Sachen Haute Couture, Parfüm und Schmuck ausgehen. Nirgends sonst gibt es solch riesige Werbetafeln, die verführerisch und machtvoll dem Straßenbild ihr Gepräge geben. In Rio, vor allem aber in Brasilia gilt das Hauptaugenmerk wieder der architektonischen Gestalt. Brasilia ist eine auf dem Reisbrett entstandene Stadt, deren Metastruktur von großzügigen Verkehrswegen und einer klaren funktionalen Zonentrennung gebildet wird. Man erkennt zunächst das von Oscar Niemeyer entworfene Kongressgebäude mit seinen beiden riesigen Halbschalen und dem zweiteiligen Hochhaus des Sekretariats. Als nächstes folgen Details der Gebäude in ihrer Beziehung zu den Menschen. Ganz klein und untergeordnet erscheinen die Personen neben der glatten, makellosen Oberfläche der Architektur. Weiter unten, wie um den rationalen Bauwerken Wärme und Emotionalität zu geben, schieben sich ins Format erdige Malstrukturen und eine Menschengruppe, die zwei Straßentänzern bei ihrer Akrobatik zuschauen.

Ob Paris, New York, Brasilia oder Rio, nie geht es Guther um einen touristischen Blick, der das Einmalige von seiner Umgebung isoliert und groß in Szene setzt. Ihr geht es um den unverwechselbaren Charakter, den Spirit einer Metropole der durch das System aus Zeichen und Strukturen fühlbar wird. structura bedeutet seit der Antike zunächst das Gefüge von Mauerwerk, bezieht sich also lange Zeit hauptsächlich auf die Physis einer Bauweise. Im 19. Jahrhunderts dehnt sich der Begriff auch auf andere Bereiche aus und seit dem meint man mit Struktur den inneren Aufbau eines Systems, kann damit also auch ein mathematisches, physikalisches oder soziales Gefüge beschreiben. Für die Philosophie hat zu dieser Zeit Wilhelm Dilthey den Begriff mit der Psychologie verbunden und bezeichnet damit den ›Bewusstseinsstand‹ eines Menschen, durch den dann das Leben in seiner einmaligen Gestalt verstanden werden kann, ohne dass dafür die metaphysische Sphäre des Absoluten angerufen werden muss. Der nächste Schritt in der Entwicklung ist die Hervorbringung von geistesgeschichtlichen ›Typen‹, die beobachtet, beschrieben und verglichen werden können.

Rückbezogen auf die Bildwelten von Verena Guther könnte man meinen, hier finden Strukturanalysen urbaner Typen statt. Und tatsächlich – während die Dachlandschaften von Paris mit Oberlichtern und Schornsteintöpfen eher an eine Gärtnerei erinnern, gehören zu Chelseas Dächern die Wassertanks und man assoziiert damit ein Fabrikgelände und Industrie. Klar, dass zu dieser schrundigen Umgebung auch aufgekratzte Oberflächen und abgeblätterte Farbschichten gehören. Gefunden hat sie diese Qualitäten in ihren Gemälden, in ihren Farben und haptischen Strukturen. Sie montiert ausgewählte Teile in die Fotoarbeiten, weil sie das rationale System Stadt emotional machen, sie ordnet der technisierten Architektur eine wie mikroskopisch gesehene Lebensspur bei.

Verena Guther, die in Berlin experimentelle Grafik bei Helmut Lortz studiert hat, hat in Berlin erlebte wie tief sich die historischen Brüche, Wundzeichen in das physische Stadtfeld eingraben. Mit dem Mauerfall wurde so manche Narbe zum verschwinden gebracht, an anderer Stelle aber gleich neue gerissen. Wie Berlin, so ist auch New York ein vielfach umgepflügtes Feld; ground zero ist das berühmteste Beispiel, aber auch das Gelände von Chelsea wandelt sich vom Industriestandort in ein Dienstleistungsviertel, wo sich Restaurants, Galerien und Loftwohnungen ansiedeln. Dieser Prozess der Veränderung ist in vollem Gange und Verena Guther spürt ihn auf berichtet uns davon in ihren Fotomontagen. Ihre technisch-objektive Analyseapparatur ist vor allem die Kamera, doch wie als Zeichen, dass es sich um einen bewusst subjektiven Ausdruck handelt, nutzt sie den handschriftlichen Gestus in ihren Gemälden. Die gemalten Fragmente sind dabei meist von einer kräftigen Farbigkeit; strahlendes Gelb und Zinnoberrot für New York, Blau für Paris und Brasilia. Die leuchtende Farbpalette belebt die eher zurückhaltende Farbigkeit der digital bearbeiteten Fotografien und auch die Strukturen der gemalten Oberflächen sind bei genauerer Betrachtung Ergänzungen und logische Weiterentwicklungen der Fotos. New York – das sind vor allem Aufsichten aus höchster Höhe und Frontale, die die Straßenschluchten mit Autos und unzähligen Yellow Cabs zeigen. Guther setzt diesen Rhythmus der Autoreihen als orange-rote Farbtupfen fort, verbindet so die beiden Ausschnitte wie durch ein gemaltes Gewebe, das das insektenhafte Gewimmel der Autos und Busse als Zeichen fortschreibt. Eine Bildserie zeigt ground zero, den Ort also, wo bis 2001 noch die Zwillingstürme des World Trade Center gestanden haben. Guther vermeidet dabei jedes sensationelle Pathos; sie zeigt den Platz als eine wunde Baulücke, in die sich inmitten riesiger Sandhaufen Bauarbeiter einen Weg in die Tiefe bahnen.

Auch in einigen anderen Bildern tauchen Baugerüste und Kräne auf und machen so deutlich, dass sich hier permanent und im großen Stil Umbrüche und Veränderungen abspielen. Der einmal erkannte Charakter muss keine Allgemeingültigkeit besitzen. Jede neue Zeit, bringt eine Fülle neuer Standpunkte hervor und macht, dass alles Relativ ist. Guther zeigt uns die Städte als flexible Gefüge, keine Einheiten also, sondern bewegte Heterogene, die immer an die neuen Bedingungen angepasst werden müssen. Der physische Raum der Straßen, Häuser, An- und Aufbauten ist nur bedingt stabil, zwar fester als die Menschenmengen, die von Zeit zu Zeit durchs Format ziehen, aber eben nicht unbegrenzt auf Dauer gestellt.

Verena Guthers Bilder, ihr analytischer Blick in der Fotografie, ihre kräftigen wie empfindsamen Gemälde und deren subtile Verschmelzung sind die Interpretationen, die die Strukturen des jeweils spezifischen Stadtsystems für uns sichtbar machen. Ihr geht es um das bildhafte Verstehen dessen, was sich der Mensch mit seinem selbst geschaffenen Stadtgefüge wieder als Lebenswelt zurückgibt.

(*) Henri Lefèbvre: Die Revolution der Städte. Original: ›la révolution urbaine‹, Paris 1970. Sonderausgabe DresdenPostplatz (Hrsg.) Berlin 2003, S. 11.

Grit Weber, Chefredakteurin art kaleidoscope

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