Verena Guther

Portrait

Den Dschungel der Metropolen zähmen

Porträt: Die Darmstädter Künstlerin Verena Guther collagiert Fotografie und Malerei zu ästhetischen Geweben

Shanghai scheint angenehm übersichtlich im Atelier von Verena Guther, wo es zu farbenfrohen Materialstößen gehäufelt ist: Stapel von Stoffbordüren, hauchdünnen Servietten und Zeitungsseiten, deren vertikale Schriftkolumnen einer Skyline ähneln, zerlegen die verwirrend vielgesichtige Industriehauptstadt Chinas in optisch genießbare Häppchen. »In Shanghai ist nichts, wie es scheint«, resümiert die 1957 in Darmstadt geborene Künstlerin ihre erste Begegnung mit der 18-Millionen-Metropole.

Ausstellung

Teile des Shanghai-Werkzyklus sind bis 31. Januar in der Jubiläumsschau der Galerie Lattemann in Trautheim zu sehen. Ganz gegen ihre Gewohnheit war sie dort nicht allein, sondern mit der Darmstädter Künstlerin Annette Bischoff auf Bildfang. ›A Dream of Shanghai‹ heißt ironisch die in gemeinsamer Arbeit entstandene Serie, die in 120 Bildquadraten Blickfenster auf die Metropole öffnet. Der poetisch-romantisierende Duktus, der Farbästhetik und Strukturspiele ins Blickfeld rückt, erweist sich als Fassade, die eine schnelllebige und brutale Wirklichkeit verdeckt.

Vor mehreren Jahren hat Verena Guther mit ihrer Kunst den Sprung ins Ausland geschafft. Regelmäßig ist sie mit ihren Städteporträts und großformatiger Farbfeldmalerei auf Stahlblech auf internationalen Messen und in Galerien in Asien, Europa und den USA vertreten. Zeit ist seither ein kostbares Gut geworden. Doch für eins reicht sie immer: für Projekte mit befreundeten Künstlerinnen. Wie jenes, das in Shanghai begann und seit eineinhalb Jahren unablässig neue Bilder hervorbringt. Mit Annette Bischoff und dem Darmstädter Projekt ,,Stetig wachsen - sprechen über Bäume" hat sie Geschmack an der künstlerischen Zusammenarbeit gefunden: Material sammeln, den Fundus teilen, Schulter an Schulter und am selben Arbeitstisch Bilder entwickeln. Konkurrenz ist fürs erprobte Projektduo kein Thema. Jede hat ihre Art, Bildelemente zu komponieren, obwohl die Künstlerinnen die Arbeitsweise ihrer Serien zusammen entwickeln und sogar Bildideen teilen.

Auch mit ihrer Halbschwester, der Künstlerin Liesel Haber, hat sie bereits Projekt-Ausstellungen gestaltet. Zum Thema ›Bindungen‹ setzten sie sich mit dem gemeinsamen Vater und beiden Müttern auseinander. Während die Schwester Briefe und Familienfotos zu Memorials collagierte, ab strahierte Verena Guther ihre Mutternähe in florale Kompositionen, die Liebe der Mutter zum Garten ins Bild verwandelnd.

Sortieren und Umwandeln sind auch in ihren Arbeiten zum Thema Großstadt künstlerische Gestaltungsmittel, die gleichzeitig dazu dienen, sich städtischen Strukturen zu nähern. Städtetouren erlebt die Künstlerin, die bis 1984 Visuelle Kommunikation in Berlin studierte und seit 1999 wieder in Darmstadt lebt, wie einen Sog. Spontaneität und Recherchefieber werden daher bereits im Vorfeld mit einem Konzept abgefedert, Perspektivwechsel und Standorte vorab festgelegt. Seh-Eindrücke, die während der Aufenthalte in New York, Berlin, Paris oder Shanghai auf sie einhageln, übersetzt sie mit den Mitteln der Collage und Fotomontage in Kompositionen, die städtebauliche Struktur zu ästhetischen Geweben verwirken.

Den Metamorphosen urbaner Landschaften gilt ihre Neugier. Sie zieht es zu den Bruchstellen, die die zeitgenössische Baumanie hinterlässt. ›Innere Peripherien‹ nennt die Künstlerin diese Bauwunden, denen sie mit der Kamera zu Leibe rückt. Oft ist die Faszination für den Quartierwandel mit Entsetzen über die sozialen Konsequenzen gepaart. »Wie in China alte Kulturgüter und soziale Bindungen ohne Skrupel gekappt werden, ist unvorstellbar«, ereifert sich Guther angesichts der Kran- und Gerüstlandschaften in Shanghai, die sie zu bizarren Grafiken verdichtet. Brüche setzt sie durch malerische Spuren: Die Farbe wirkt wie eine Wärmeader für entseelte Strukturen.

Einerseits wird die ästhetische Komposition des architektonischen Konstrukts sichtbar, andererseits aber Kälte ins Bewusstsein gebracht. Zwischen Betonwüste und Autobahnen, deren bildnerische Dominanz durch Überlagerung und Addition noch gesteigert wird, schrumpelt der Mensch zum bloßen Strukturelement ein.

Anja Trieschmann 14.01.2010, Darmstädter Echo

↑ nach oben

© 2014 Verena Guther   |   E-Mail   |   Impressum   |   Datenschutzerklärung