Verena Guther

Presse

Im Sog der Architektur

Kunst: Die Trautheimer Galerie Lattemann zeigt Verena Guthers Ansichten großer Städte von New York bis Shanghai

Der Puls von Shanghai rast: Täglich fressen Bagger Löcher in die Quartiere. Hochhäuser schießen in den Smog – ohne Rücksicht auf Mensch und Natur. Es zählt Chinas Wirtschaftswachstum von rund 13 Prozent und alles, was höher, schriller, moderner ist als anderswo. Unter sechs Schichten Autobahnbrücken finden Menschen Heimat auf nacktem Asphalt. Der Schock über eine menschenverachtende Architektur, die jahrtausendealtes Kulturgut wie ein Krebsgeschwür überwuchert, vermittelt sich nicht direkt in Verena Guthers Fotomontagen, die in der Trautheimer Galerie Lattemann zu sehen sind. Ein sensibles Spiel mit Strukturen, Perspektiven und Farbatmosphären lenkt die Aufmerksamkeit auf ästhetische wie architektonisch reizvolle Komponenten, die Metropolen wie Shanghai ihre Sogwirkung verleihen.

Doch ein zweiter, dritter Blick raubt den Atem: Dicht an dicht klemmt Alt in Neu, Arm und Reich sind zu klebrigem Brei verschmolzen, und kein Luftzug passt mehr ins schlanke Hochformat, in das Shanghais Züge wie hineingepresst scheinen. Guthers Ausstellung ›Stadtbild‹ stellt die druckfrischen China-Montagen früheren Arbeiten gegenüber: Paris, Berlin, New York oder Frankfurt – jedes Stadtgesicht ist einzigartig. Arbeits- und Ausstellungs-Touren führen die Malerin und Fotografin seit einigen Jahren rund um den Globus. Messen und Galerien in Frankreich, Spanien, den USA, Korea und China zeigen ihre Bilder, mit denen sie den Finger in die Wunde der Großstadt legt.

Poetisch ist dabei der Blick und von Malerei inspiriert, mit dem die Darmstädter Künstlerin den je eigenen Rhythmus einer Stadt zur Bildkomposition und letztlich zum Porträt verdichtet: Paris sieht von oben aus wie ein impressionistisches Gemälde – rote Schlote tupfen Farbflecken in graue Dachlandschaften, am Horizont wischen die Konturen aus wie vom Pinsel berührt. In New York schlängeln Straßen, geben vertikale Strukturen vor, die von gelben Punkten – den Taxis – gesprenkelt sind. Obwohl die Motivik der Fotografie stets den Bildgestus vorgibt, greift Guthers Malerei belebend ins Geschehen ein: Einmal als farbästhetisches Stilmittel, ein andermal als Unterbrechung räumlicher Illusion. Frühere Serien leben von feisten Farbspuren, die wie ein Augenzwinkern den Bildfluss aufstören. In den neueren Arbeiten dagegen wirkt der Realismus ihrer Stadtbilder poetisiert.

Frankfurt und Berlin sind für Guther eher alte Bekannte: In Berlin hat sie in den Achtzigern als Studentin und Grafikerin gelebt, und Frankfurt ist nächste Nachbarschaft. Die inhaltliche Recherche ist jedoch nur die Folie für die künstlerische Gestaltung. Verena Guther will den Pulsschlag urbaner Wirklichkeit ins Bild bannen, die Dynamik des Phänomens ›Megacity‹ sichtbar machen. Hinter dem ästhetischen Anliegen blitzt der kritische, oft genug entsetzte Blick einer Frau auf, die an den glänzenden Fassaden urbaner Scheinwelten kratzt. Wie ein Motto taucht in ihren Shanghai-Formaten ein chinesischer Schriftzug auf. Übersetzt heißt er: ›Ein Traum von Shanghai‹. Die Ironie schmeckt bitter angesichts der bedrückenden Wirklichkeit der 18-Millionen-Stadt.

Anja Trieschmann 19.04.2008, Darmstädter Echo

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